#Algorithmische­Ökonomie

#Hochfrequenzhandel #Bitcoin #Kryptowährungen #Entschlüsseln #Blockchain 

In einer Welt, in der alles zunehmend digital wird (unsere Art zu kommunizieren, unsere Werbung, unsere Freizeit und unser Arbeitsleben), war es nur eine Frage der Zeit, bis auch Geld digital hergestellt werden konnte. Banken und Märkte nutzen digitale Algorithmen seit Jahrzehnten und auch viele EndverbraucherInnen greifen bereits seit einiger Zeit digital auf ihr Geld zu. Aber der Sachverhalt, der hier betrachtet werden soll – die #AlgorithmischeÖkonomie – geht weit darüber hinaus und ist wesentlich vielschichtiger: Welche Auswirkungen hat der Einsatz von Computercodes auf unsere globalisierte Wirtschaft? Welche Systeme haben sich herausgebildet – oder werden in Zukunft entstehen?

Wenn man sich die Verbindung von Wirtschaft, Mathematik und Informatik anschaut, ist einer der ersten Begriffe, die in diesem Kontext auftauchen, der algorithmische Handel. Dabei handelt es sich um eine gängige Praxis im Bereich des Investmentbankings und der Rentenmärkte, bei der automatisiert eine Abfolge von Rechenbefehlen zum Einsatz kommt, mit denen an den Finanzmärkten Entscheidungen getroffen und Transaktionen durchgeführt werden. Das heißt, dass der Handel mit Aktien heute größtenteils durch Algorithmen (siehe #Algorithmus im Themenbereich #Codierung) erfolgt. Viele Systeme, die solche automatisierten Vorgänge ausführen, fallen in die Kategorie #Hochfrequenzhandel (HFT). Bezeichnend für sie ist die immense Geschwindigkeit, mit der sie agieren, und die von Menschen nie – nicht einmal annähernd – erreicht werden könnte.

Um gegen die Vormachtstellung dieses Systems und die von ihm ausgehende Finanzialisierung anzugehen, wurde 2009 im Internet eine neue Währung geschaffen: #Bitcoin. Ihr folgten noch viele andere digitale Währungen wie beispielsweise Ethereum oder Litecoin. Worin aber unterscheiden sich #Kryptowährungen nun von herkömmlichen Währungen? Wie der Name schon andeutet, basieren sie auf einem kryptografischen System [1], was bedeutet, dass der ihnen zugrunde liegende Code in ein System implementiert ist, das Informationen geheim hält. Nur die Personen – oder, genauer gesagt, die Programme –, die sie dechiffrieren bzw. #Entschlüsseln können, haben Zugriff auf diese Informationen. Außerdem haben Kryptowährungen keine materielle Entsprechung und sind dezentral organisiert. Anders als im Fall von zentralisierten Bankensystemen, bei denen Regierungen den Geldwert durch das Drucken von Geld kontrollieren, haben Regierungen über Kryptowährungen keine Kontrolle: Ihr Wert zirkuliert im Internet, ohne dass eine Zwischeninstanz regulierend eingreift.

Um die Zusammenhänge erfassen zu können, ist es notwendig, das System zu verstehen, das hinter den Kryptowährungen steht: #Blockchain. Hierbei handelt es sich um eine offene Datenbank, mit der im Fall der Kryptowährungen Finanztransaktionen in ihrer Zeitfolge aufgezeichnet werden. Blockchain [engl. für Blockkette] besteht aus einzelnen Datenblöcken, in denen verschiedene Transaktionen zusammengefasst werden und die jeweils mit einem vorhergehenden Eintrag in der Kette verbunden sind. Wenn eine Person etwas mit Bitcoins kauft, dann wird an alle Computer (die sogenannten Miner), die gleichberechtigt in dem Peer-to-Peer-Netzwerk des Bitcoin-Systems zusammengeschaltet sind, eine schwer zu lösende, kryptografische Aufgabe geschickt. Wenn nun ein Miner eine solche Aufgabe löst, dann wird der Blockkette ein neuer Block hinzugefügt und mit einer bestimmten Anzahl von Bitcoins vergütet. Aber der Erwerb von Bitcoins ist nicht der alleinige Zweck des Minings: Die gestellten Aufgaben sind so komplex, dass mit jedem Block, der neu hinzukommt, die vorhergehenden Blöcke sicherer werden und damit die gesamte Kette. Um die Blockkette zu hacken, wäre zur Veränderung selbst nur einer Transaktion eine enorme Rechengeschwindigkeit notwendig. Dadurch, dass viele Miner stetig neue Blöcke hinzufügen, wäre dazu eine immense Rechenleistung erforderlich.

Wie auch andere disruptive Technologien, die im digitalen Zeitalter aufkommen, stellen Kryptowährungen für die etablierten Wirtschaftsstrukturen und -abläufe eine Herausforderung dar, da sie auf eine Zukunft zielen, in der es keine Mittlerinstanzen mehr gibt. In einer von Blockchain-Technologien verwalteten Welt, würden neue Geschäftsstrategien und Instrumente für den Finanzhandel entwickelt, wodurch die »Kontrolle von Geld und Information nicht mehr bei den mächtigen Eliten läge [...], sondern in der Hand der Menschen, von denen sie eigentlich ausgehen sollte.« [2] Während von mancher Seite angeführt wird, dass solche Modelle die zentralisierte Wirtschaft und das politische Establishment zerschlagen könnten, ist andererseits zu hören, dass die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt gravierend wären und nur die Spitzenkräfte in der Arbeitnehmerschaft davon profitieren würden. Zwar ist es nicht möglich, die Zukunft genau vorauszusagen, um jedoch die Welt, in der wir leben und die Wirtschaft, die wir aufbauen, verstehen zu können, müssen wir uns der Macht, die Algorithmen und computerbasierter Berechnungsverfahren haben, bewusst werden und sie genau untersuchen.

Blanca Giménez

 

[1] Der Begriff »Kryptografie« leitet sich vom griechischen κρυπτός bzw. »kryptós« ab, was »verborgen« oder »geheim« bedeutet, sowie von γράφειν bzw. »graphein«, dem griechischen Wort für »schreiben«. Siehe dazu: Henry George Liddell und Robert Scott, »A Greek–English Lexicon«, Oxford University Press, 1984.

[2] Paul Vigna und Michael J. Casey, »The Age of Cryptocurrency: How Bitcoin and Blockchain are Challenging the Global Economic Order«, St. Martin’s Press, New York, 2015, S. 6.